LESEPROBE „TOCHTER DES FEUERS“

         Shira entschied sich, ihm nicht zu antworten. Sie setzte langsam
einen Fuß vor den nächsten. Das Tor quietschte leicht, als es sich
hinter ihr wieder schloss. Was sie daran erinnerte, dass sie nicht
träumte. Vor Shira entfaltete sich eine Szenerie, die aus einer anderen
Welt zu stammen schien. Die Farben stachen ihr ins Auge und
blendeten sie. Das Singen der Vögel war laut. Sie kniff die Augen
fest zusammen und öffnete sie langsam wieder, um sie an das Licht
zu gewöhnen.
        Eine strahlend rot lackierte Brücke führte über einen kleinen
Bach. Rot und gelb blühende Bäume säumten den Weg hin zu einem
Gebäude, das aus demselben Holz gebaut war wie die Brücke. Die
Symbole auf dem geschwungenen Dach des Hauses zogen Shiras
Aufmerksamkeit auf sich. Sie kannte diese Zeichen aus einem der
verstaubten Bücher, die Tante Andrea vor ihr verborgen halten
wollte.
       Shira erinnerte sich, wie ihre geschickten Hände das Schloss
der Kiste mit einer Haarklammer geöffnet und das Buch auf ihren
Schoß gelegt hatten. Seite für Seite hatte sie darin geblättert und
war in eine Welt gereist, die ihr fremder erschienen war als die
der Privilegierten. Die Buchseiten hatten von Kräften gesprochen,
die jene eines gewöhnlichen Menschen überstiegen. Sie hatten von
der Gewalt der Natur gehandelt, von den Elementen, die die Welt
zusammensetzten. Feuer, Erde, Wasser, Luft – sie waren es, die den
Sapienti ihre Kräfte verliehen.
      Shira wandte den Blick von den Symbolen ab, welche die Elemente
widerspiegelten, und schaute zum See, dessen Ausläufer sie
hinter dem Haus ausmachen konnte.
    Trotz der Faszination, die sie verspürte, hatte die Szenerie etwas
Irreales an sich. Es lag an dem Geruch, den sie verströmte. Es roch
süßlich, wie verwest. Über der Basis hing der Schleier der Vergänglichkeit.
Sie gehörte einer Epoche an, die längst in Vergessenheit
geraten war.

„Tochter des Feuers“, Urban Fantasy, erscheint am 29. April im Eisermann Verlag.